Kognitive Kompetenzen und Mehrsprachigkeit: Hilft Mehrsprachigkeit beim Denken?

Kognitive Kompetenzen und Mehrsprachigkeit Hilft Mehrsprachigkeit beim Denken

Erlernen wir eine weitere Sprache, schwebt uns dabei meist ein ganz handfester Nutzen vor: Wir wollen uns auf einen Urlaub vorbereiten, unsere Lieblingsfilme in der Originalsprache sehen können oder uns für einen beruflichen Auslandsaufenthalt qualifizieren. Wesentlich seltener als die kommunikativen Vorteile des Sprachenlernens werden die kognitiven angeführt – dabei sind sie mindestens ebenso beeindruckend. Doch was genau bewirkt das Erlernen mehrerer Sprachen hinsichtlich unseres Denkens?

Zweisprachig aufwachsende Kinder denken flexibler

Ein Blick auf zweisprachig aufwachsende Kinder offenbart, dass das sichere Beherrschen mehrerer Sprachen mit deutlichen Vorteilen einhergeht: Wer zweisprachig aufgewachsen ist, ist statistisch gesehen flexibler im Denken als seine Altersgenossinnen und -genossen. Verschiedene Studien mit zweisprachigen Kindern weisen auf diese Vorteile hin. So konnte etwa gezeigt werden, dass die selektive Aufmerksamkeit bei zweisprachigen Kindern stärker ausgeprägt ist als bei monolingualen: Sie können irrelevante Informationen besser ignorieren und diverse Aufgaben daher besser bewältigen. Auch die allgemeine kognitive Kontrolle, zu der die Steuerung der Aufmerksamkeit zählt, ist bei zweisprachigen Kindern stärker ausgeprägt. Interessant ist hierbei auch der Umstand, dass in einer Studie gezeigt werden konnte, dass im Laufe einiger Monate diejenigen unter den bilingualen Kindern, die größere Fortschritte in der Sprachkompetenz aufwiesen auch größere Fortschritte in der kognitiven Kontrolle aufwiesen.

Unterschiede zwischen ein- und zweisprachigen Kindern zeigen sich darüber hinaus bei der sog. mentalen Flexibilität, bei der zweisprachige Kinder einsprachigen gegenüber wiederum im Vorteil sind, was konkret bedeutet, dass es ihnen deutlich leichter fällt, Probleme, Fragestellungen oder Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das wiederum bedingt bessere Problemlösekompetenz und gilt als Kernelement kreativen Denkens. Auch in Intelligenztests schneiden bilinguale Kinder signifikant besser ab als einsprachige.

Überraschend ist daneben das Ergebnis eines Experiments mit Spielzeugautos, das Katherine Kinzler mit ein- und mehrsprachigen Kindern durchgeführt hat. Im Versuchsaufbau wurden drei Spielzeugautos unterschiedlicher Größe auf einem Tisch platziert. Auf der einen Seite des Tischs nahm das Kind Platz, auf der anderen eine erwachsene Person. Während das Kind alle drei Autos sehen konnte, war das kleinste Auto von der Position der erwachsenen Person aus nicht zu sehen. Die erwachsene Person bat nun das Kind, das kleine Auto vom Tisch zu nehmen. Während die einsprachigen Kinder häufig das kleinste Auto, das die Erwachsenen nicht sehen konnten, anhoben, folgerten die mehrsprachigen deutlich häufiger, dass nur das mittelgroße Auto gemeint sein konnte, da dies schließlich das kleinste Auto war, das aus der anderen Position zu sehen war. Dies deutet auf gesteigerte Empathie und wiederum auf bessere Möglichkeiten, mehrperspektivisch zu denken, hin. Interessanterweise – das sei hier nur am Rande erwähnt – schnitten auch diejenigen Kinder, die einer zweiten Sprache bloß regelmäßig passiv ausgesetzt waren, sie jedoch nicht selbst sprachen, signifikant besser ab als diejenigen einsprachigen Kinder, die in einem rein einsprachigen Umfeld lebten.

Doch warum ist dem so? Und profitieren auch Menschen, die erst deutlich später eine weitere Sprache erlernen, von den genannten Vorteilen oder gelten sie nur für Kinder, die zweisprachig aufwachsen?

Wie Kinder mehrsprachig aufwachsen: Ein Ratgeber
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Neurowissenschaft und Mehrsprachigkeit

Neurowissenschaftlich lassen sich die Unterschiede zwischen ein- und mehrsprachigen Menschen relativ gut erklären. So kann etwa darauf verwiesen werden, dass es bedeutende neuronale Unterschiede zwischen den genannten Personengruppen gibt, die wiederum mit gesteigerten kognitiven Ansprüchen, denen Mehrsprachige genügen müssen, erklärt werden können. Gehirnscans zeigen etwa, dass sprachverarbeitende Regionen, vor allem der anteriore zinguläre Kortex und der Nucleus caudatus, bei Mehrsprachigen stärker ausgeprägt sind als bei Einsprachigen. Zurückgeführt werden kann das darauf, dass Menschen, die regelmäßig mehrere Sprachen nutzen, stärker auf die Funktionen des genannten Areals angewiesen sind: Der anteriore zinguläre Kortex ist unter anderem an Entscheidungsprozessen beteiligt, die mehrsprachige Menschen jedes Mal durchführen müssen, wenn sie sprechen wollen – schließlich müssen sie sich immer für eine der ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten entscheiden.

Wer hingegen nur eine Sprache spricht, steht nicht vor der Frage, welche in der konkreten Situation anzuwenden ist, und nutzt das entsprechende Hirnareal dementsprechend seltener. Häufige Nutzung wiederum trainiert das Gehirn gewissermaßen, sodass es zu einer stärkeren Ausbildung der häufiger genutzten Regionen kommt. Im Falle des anterioren zingulären Kortex wirkt sich das spürbar auch auf andere Bereiche des Lebens auf: Auch bei der selektiven Aufmerksamkeit und der allgemeinen kognitiven Kontrolle, bei der mehrsprachige Kinder besser abschneiden als einsprachige, sind Entscheidungsprozesse zentral. Auch an Impulskontrolle und Empathie, die für das Spielzeugautoexperiment von zentraler Bedeutung ist, sind die genannten Hirnregionen beteiligt.

Tatsächlich ist davon auszugehen, dass Menschen, die früh eine weitere Sprache lernen oder sogar zwei Erstsprachen haben, stärker profitieren als solche, die erst später damit beginnen. Zurückzuführen ist das darauf, dass wesentliche Entwicklungsschritte im Kindes- und Jugendalter eingeleitet und abgeschlossen werden, sodass hier schlicht das größte Potential für Einwirkungen vorhanden ist. Doch auch im Erwachsenenalter lohnt es sich, weitere Sprachen zu erlernen. Die kognitiven Veränderungen mögen dann nicht mehr so stark ausgeprägt sein wie bei Kindern oder Jugendlichen, doch Unterschiede werden immer noch feststellbar sein. Darüber hinaus verändert sich der Theorie sprachlicher Relativität zufolge mit der Sprache auch die Weltsicht – und zwar in jedem Alter.

Mehrsprachigkeit gegen Demenz?

Interessant ist auch der Umstand, dass angenommen wird, dass der kognitive Abbau im Zuge einer Demenz bei Menschen, die mehr als eine Sprache sprechen, deutlich später einsetzt als bei solchen, die nur eine Sprache beherrschen. Einer Studie zufolge wird etwa die Alzheimer-Demenz bei ersterer Personengruppe durchschnittlich fünf Jahre später diagnostiziert. Erklärt wird diese Beobachtung damit, dass das Gehirn mehrsprachiger Menschen leistungsfähiger ist und Ausfälle besser kompensieren kann. Das gilt jedoch nur, wenn die weiteren Sprachen tatsächlich beherrscht werden – vor Jahrzehnten einmal Englisch gelernt zu haben, reicht nicht aus. Zu erwähnen ist an dieser Stelle jedoch auch, dass die Studienlage zur Demenzprävention durch Mehrsprachigkeit insgesamt nicht eindeutig ist, wenngleich etwa Raymond M. Klein, John Christie und Mikael Parkvall in einer Übersichtsstudie zu dem Ergebnis kommen, dass das Beherrschen mehr als einer Sprache tatsächlich mit einer signifikant geringeren Demenzrate einhergeht.

Fazit: Mehrsprachigkeit bietet nicht nur kommunikative Vorteile

Mehr als eine Sprache zu beherrschen, hat also nicht nur kommunikative, sondern auch bedeutende kognitive Vorteile. Lernen wir andere Sprachen, werden wir flexibler im Denken, trainieren Aufmerksamkeit, kognitive Kontrolle und Problemlösefähigkeit und arbeiten daran, andere Perspektiven einnehmen zu können. All das kommt uns nicht nur bei formalisierten Tests, sondern auch im Alltag zugute. Insgesamt gibt es damit mehr als genügend Gründe, endlich noch mehr Sprachen zu erlernen!


Literatur:
Bialystok, Ellen; Craik, Fergus I.M.; Freedman, Morris (2010): “Delaying the onset of Alzheimer disease. Bilingualism as a form of cognitive reserve”. In: Neurology. Volume 75. Issue 19. S. 1726-1729.
Christie, John; Klein, Raymond M.; Parkvall, Mikael (2016): “Does multilingualism affect the incidence of Alzheimer’s disease? A worldwide analysis by country”. In: SSM – Population Health. Volume 2. S. 463-467.
Fan, Samantha P.; Liberman, Zoe; Keysar, Boaz; Kinzler, Katherine D. (2015): „The exposure advantage: Early exposure to a multilingual environment promotes effective communication”. In: Psychological Science. Volume 26. Issue 7. S. 1090-1097.
Festmann, Julia; Kersten, Kristin (2010): „Kognitive Auswirkungen von Zweisprachigkeit“. In: Burmeister, Petra; Massler, Ute (Hrsg.): CLIL und Immersion. Erfolgsbedingungen für fremdsprachlichen Sachfachunterricht in der Grundschule. Braunschweig. S. 38-52.
Poulin-Dubois, Diane et al. (2016): “The effects of bilingual growth on toddlers’ executive function”. In: Journal of Experimental Child Psychology. Volume 141. S. 121-132.